Kunsthaus Hamburg
DE

Die Ausstellung „...und eine welt noch“ nahm das Werk der herausragenden Künstlerin Hanne Darboven (1941-2009) als Ausgangspunkt, um aus der Perspektive einer jüngeren internationalen KünstlerInnengeneration die Aktualität und Relevanz ihres Schaffens zu untersuchen. Abgesehen von einigen exemplarischen Arbeiten von Darbovens Weggefährten (u. a. Almir Mavignier, Sol LeWitt und Lawrence Weiner) lag der Fokus auf aktuellen Positionen der zeitgenössischen Kunst, welche sich mit ähnlichen Fragestellungen und Ansätzen beschäftigen.

Die Werkauswahl umfasste eine große Bandbreite künstlerischer Strategien im Umgang mit Wissenssystemen und Zeitgeschehen wie eigenständige Aufzeichnungs- und Erzählsysteme, die Untersuchung von zeitlichen Strukturen oder die material-ästhetische und multimediale Verknüpfung persönlichen Zeitempfindens mit Zeitgeschichte und Weltgeschehen.

EN

In the context of the exhibition “...and yet one more world,” presented by the Kunsthaus Hamburg, the oeuvre of the seminal German conceptual artist Hanne Darboven (1941-2009) served as a starting point for an exploration of its present-day impact and relevance from the perspective of a younger generation of international artists. Accompanied by a small selection of works created by Darboven’s contemporaries (among these artist colleagues such as Almir Mavignier, Sol LeWitt, and Lawrence Weiner), the exhibition focused specifically on contemporary artists, who are engaged in questions and strategies similar to those that Darboven investigated in her work. 

The group exhibition “...and yet one more world” encompassed a broad spectrum of contemporary aesthetic strategies of addressing systems of knowledge and current events. These include autonomous recording and narrative systems, the investigation of temporal structures, and the material-based aesthetic and media-spanning conflation of personal time concepts and of contemporary history and current events.


Künstler / Artists


Georges Adéagbo & Alfredo Jaar, Ayreen Anastas & Rene Gabri, Anna Artaker & Meike S. Gleim, Fiona Banner, Irma Blank, Heath Bunting, Banu Cennetoğlu, Alejandro Cesarco, Armin Chodzinski, Daniela Comani, Martin Creed, Natalie Czech, Hanne Darboven, Cevdet Erek, Isa Genzken, Flora Hauser, Robert Heinecken, Ydessa Hendeles, Channa Horwitz, Nick Koppenhagen, Tim Lee, Sol LeWitt, Lucy R. Lippard, Almir Mavignier, Jonathan Monk, Susan Morris, Michael Müller, Matt Mullican, Henrik Olesen, Ulrike Ottinger, Lia Perjovschi, Michael Riedel, Arno Schmidt, Barbara Schmidt Heins, Sigrid Sigurdsson, Fiete Stolte, Josef Strau, Rayyane Tabet, Rirkrit Tiravanija, Joëlle Tuerlinckx, Jorinde Voigt, Tris Vonna-Michell, Hannah Weiner, Lawrence Weiner


Impressum / Imprint


Diese Website dokumentiert die internationale Gruppenausstellung „... und eine welt noch“ im Kunsthaus Hamburg (26. April – 26. Juni 2016), kuratiert von Miriam Schoofs und Katja Schroeder. Konzeption und Gestaltung der Website entstanden in Kooperation mit der HFBK Hamburg, Klasse für Typographie von Wigger Bierma.

This website accompanies the international group show “... and yet one more world“ at the Kunsthaus Hamburg (April 26 – June 26, 2016), curated by Miriam Schoofs and Katja Schroeder. The website’s concept and design have been developed in cooperation with the HFBK Hamburg, class for typography by Wigger Bierma.


Publikation / Publication


Herausgeberin / Editor

Katja Schroeder, Kunsthaus Hamburg


Texte / Texts

Belinda Grace Gardner, Franziska Glozer, Nina Köller, Miriam Schoofs, Katja Schroeder


Lektorat / Copy Editing

Theresia Christel, Dana Žaja


Fotografie / Photography

Hayo Heye (wenn nicht anders angegeben / unless otherwise stated)


Konzept, Design / Concept, Design

Laurens Bauer, Mitko Mitkov


Redaktion / Editing

Laurens Bauer, Theresia Christel, Mitko Mitkov, Lieselotte Schinzing, Anna Sabrina Schmid


Programmierung / Programming

Dominic Osterried


Ausstellung / Exhibition


Ausstellungskonzept / Exhibition Concept

Miriam Schoofs


Kuratorinnen / Curators

Miriam Schoofs, Katja Schroeder


Projektmanagement / Project Management

Franziska Glozer, Anna Sabrina Schmid, Dana Žaja,


Presse und Öffentlichkeit / Press and Public Relations

Theresia Christel


Kunsthaus Hamburg


Geschäftsführerin / Artistic Director

Katja Schroeder


Kuratorin / Curator

Anna Sabrina Schmid


Presse und Öffentlichkeit / Press and Public Relations

Theresia Christel


Buchhaltung / Accounting

Reni Pathak

Ausstellungsansicht

links nach rechts

Nick Koppenhagen: „Witterungsreporte“, 2013/2014/2015/..., drei Bunt- und Bleistiftzeichnungen auf Papier, 59,4 x 84,1 cm.

Michael Riedel: Ohne Titel („Random Bars Vertical“), 2014, Digitaldruck auf Karton und Wabenplatte, 142 x 253 x 4 cm; „Gemachte und nicht gemachte Vorschläge zur Veränderung von Modern“ (im Logo von „The Modern Institute“ 2008–2010), 2010, Offset-Druck auf Affichenpapier, 143 x 253 x 4 cm.

Lia Perjovschi: „21st century“, 2015, Druck auf Leichtschaumplatte, 2 x 3 m

Courtesy die Künstlerin und Christine König Galerie, Wien.

Lia Perjovschi

Aus dem Mangel an Zugang zu Information und historischen Fakten während der Ceaușescu Diktatur in Rumänien hat Lia Perjovschi (*1961 in Sibiu, Rumänien) nach der Revolution in den 1990er Jahren begonnen, eigene Archive zu Kunst und Kultur (u. a. „The Contemporary Art Archive – Center for Art Analysis“) sowie sogenannte ‚Mind Maps’ und ‚Time Lines’ anzulegen. Sowohl in Form von Zeichnungen, als auch anhand extensiver Ansammlungen von Büchern, Kopien, Fotos, Zeitschriften und Dokumenten versuchte sie jene Informationen in Rumänien zugänglich und verständlich zu machen, die über die langen Jahre der Diktatur ausgeblendet, bewusst verfälscht und unterdrückt wurden. Mit ihrer Leidenschaft für das Sammeln von Informationen über internationale aber auch osteuropäische Kunst, Kultur, Gesellschaft und Politik entwickelte Perjovschi eine offene Wissensplattform, die sie für Publikum in Form von Diskussionen, Vorträgen und Ausstellungen öffnete. Diese Aktivitäten und Präsentationen inszeniert sie seit 2003 unter dem Titel „Center For Art Analysis“ in unterschiedlichen Formaten und wechselnden Orten immer wieder neu.

Während Hanne Darboven in ihren Arbeiten den großen kulturgeschichtlichen Bogen des europäisch geprägten 20. Jahrhunderts schlägt, steht Lia Perjovschi für eine KünstlerInnengeneration, die aufgrund ihrer tiefgreifenden politischen Erfahrungen eine neue Perspektive auf die westlich fixierte Kunstgeschichte ermöglicht und zudem den Blick dezidiert ins 21. Jahrhundert öffnet. KS

Ausstellungsansicht

Joëlle Tuerlinckx: „Time – Table (SPACE / EMIT / Time (SPACE) / ...)“, 2013, Tisch, handbeschriebene Plastikauflagen, Scheinwerfer, variable Maße; „TIME – SPACE / Pink Agenda Cahier No° 30“, 2016, digitaler Tintenstrahldruck auf Plastik, Polycarbonate, Plexiglas, Aluminiumrahmen, 10 Arbeiten à 72,2 x 101,9 cm, Courtesy die Künstlerin und Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien.

Ausstellungsansicht

rechts

Anna Artaker & Meike S. Gleim: „Künstliche Sonnen, Monde und Sterne“, 2013/2014, Baumwollvorhang, Paravent, variable Maße, Courtesy die Künstlerinnen.

hinten

Daniela Comani: „Ich war`s. Tagebuch 1900–1999“, 2002/2006, bedrucktes Vinyl, 3 x 6 m, Sound-Loop, 66 min, Courtesy die Künstlerin und Galleria Studio G7, Bologna, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016.

links

Joëlle Tuerlinckx: „TIME – SPACE / Pink Agenda Cahier No° 30“, 2016, digitaler Tintenstrahldruck auf Plastik, Polycarbonate, Plexiglas, Aluminiumrahmen, 10 Arbeiten à 72,2 x 101,9 cm, Courtesy die Künstlerin und Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien.

Arno Schmidt: Kalenderblatt, 1957, Bleistift und Buntstift auf Papier

© Arno Schmidt Stiftung Bargfeld.

Arno Schmidt

Arno Schmidts (1914-1979, Hamburg/Celle) Verbindung von traditionellem Erzählen und avantgardistischer Schreibtechnik begründet seine besondere Stellung in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts.

In der recht umfangreichen Bibliothek im Wohn- und Arbeitshaus von Hanne Darboven befindet sich neben den Titeln des einschlägigen, linksliberalen europäischen Bildungskanon auch das monumentale Hauptwerk von Arno Schmidt: „Zettel’s Traum“ (1970).

Der Schriftsteller lebte zurückgezogen in Bargfeld in der Lüneburger Heide. Nach einer kaufmännischen Lehre in einer Textilfabrik hatte Arno Schmidt zuvor als Lagerbuchhalter gearbeitet. Der Umgang mit Listen und diagrammähnlichen Schaubildern auf Millimeterpapier waren ihm also mindestens ebenso vertraut wie der hanseatischen Kaufmannstochter Hanne Darboven, die von ihrem künstlerischen Schaffen gelegentlich auch als ihrer „Zettelwirtschaft“ sprach.

Über einen Zeitraum von 10 Jahren schrieb Schmidt in der ländlichen Abgeschiedenheit „Zettel’s Traum“. Das Buch ist dreispaltig angelegt und füllt 1.330 DIN A3-Seiten, dessen Besonderheit die Mehrspaltigkeit des Textes (drei) und der experimentell anmutende Satzspiegel ist.

In der Ausstellung waren Kalenderblätter präsentiert, die in einem Alltagsritual gemeinsam mit seiner Frau Alice über mehrere Jahre angelegt wurden. Die Schmidts legten tabellarische Kalenderblätter an, wobei das Ehepaar jedem Monat zwei Tierfiguren oder Sammelobjekte zuordnete und als Illustration voranstellte und am Ende des Jahres auswertete, unter welchen „Schutzgöttern“ es ihnen am besten ergangen war. MS

Daniela Comani: „Ich war’s. Tagebuch 1900–1999“, Detail, 2002/2006, bedrucktes Vinyl, 3 x 6 m

Courtesy die Künstlerin und Galleria Studio G7, Bologna, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016.

Daniela Comani: „Ich war’s. Tagebuch 1900–1999“, 2002, Sound-Loop, 66 min

Daniela Comani

Die Arbeiten der in Berlin lebenden Künstlerin Daniela Comani (*1965, Bologna) kreisen wie diejenigen Hanne Darbovens um die Kultur des Lesens und die Verknüpfung individueller Lebenszeit mit Zeitgeschehen und Geschichte. Die Strategie der Aneignung historisch bedeutender Ereignisse und Daten, in Form einer kalendarischen Aufzählung bedeutender Vorkommnisse des 20. Jahrhunderts in Ich-Form, erinnert an diejenige des französischen Schriftstellers und Karikaturisten Roland Topor für seinen Roman „Mémoires d’un vieux con“ (1975). In diesem gibt der Erzähler ähnlich wie Daniela Comani in ihrer Arbeit „Ich war’s. Tagebuch 1900-1999“ (2002/06) vor, persönlich an den wesentlichen Ereignissen des vergangenen Jahrhunderts teilgenommen zu haben, ja teilweise sogar für diese verantwortlich gewesen zu sein.

Comani verwendet für ihre in Schreibmaschinenschrift gedruckten tagebuchartigen Notizen die weibliche Form und durch die subjektive Auswahl je eines Ereignisses für einen Tag innerhalb eines Jahres ermächtigt sie sich als Künstlerin der kollektiven Erinnerung und entlarvt dabei die Konstruiertheit von vermeintlich objektiver Geschichtsschreibung und Wahrheit.

Der lakonische Stil Comanis erinnert an den streckenweise tagebuchartig verfassten Roman Italo Svevos „La coscenza di Zeno“ (1923) oder auch an Sigmund Freuds „Kürzester Chronik“ (1938). In dieser hielt Freud in größtmöglicher Verdichtung die dramatischen Ereignisse seines Lebens in den Jahren 1929 bis 1939 – also während der Jahre der Machtergreifung der Nationalsozialisten und des Exils – Tag für Tag fest: 1938: „Mo 14.3.: Hitler in Wien“, „Di 22.3: Anna bei der Gestapo“, „Do 12.5.: Pässe bekommen“, „Fr 30.9.: Friede“, usw. MS

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Cevdet Erek: „Circular Week Ruler“, 2011, Laser und schwarze Farbe auf transparentem Acrylglas, 12 x 12 x 0,3 cm

Foto: Peter Cox, Courtesy der Künstler und Galerie AKINCI, Amsterdam.

Cevdet Erek: „Circular Week, 7 & Ruler Rhythm 1, 1“, 2013

Cevdet Erek

Die Arbeiten von Cevdet Erek (*1974, Istanbul) haben ihre Wurzeln gleichermaßen in der Konzeptkunst, der elektronischen Musik, sowie in der Architektur. Ausgehend vom Rhythmus als Maßeinheit, der ihn als Schlagzeuger und Soundingenieur stark geprägt hat, entwickelte er zahlreiche Maßeinheiten in Form eigens gestalteter Lineale (Ruler) und deren entsprechende Umsetzung in Sound.

Sowohl kulturgeschichtliche Zeit-, Kalender- und Spracheinheiten finden sich darin, als auch grundlegende Taktmaße der Musik. In der Ausstellung im Kunsthaus Hamburg wurden zwei Beispiele aus der Reihe der Lineale gezeigt: das Wochenlineal „Week-Ruler“ und das 4/4-Takt-Lineal „Rhythm-Ruler“ (2013), zu welchen jeweils ein rhythmischer Sound zu hören ist. Im „Week-Ruler“ spiegelt sich die binäre Aufteilung der Woche in Werktage und Wochenende wieder – eine Aufteilung der klassischen Arbeitswelt, die für eine Teilung von Arbeit und Freizeit, Erwerbsarbeit und Familie, Ausbildung und Vergnügen steht. Zu letzterem passt wiederum der 4/4-Takt, der für die Clubmusik (Wochenendaktivität) maßgeblich ist.

Immer spielt auch die Funktion des Raums als Resonanzkörper des Klangs eine wesentliche Rolle, der dort erklingt, verhallt oder sich verliert. Auch wenn Ereks Takt- und Maßeinheiten einem spielerischen Konzept folgen, das die Kontexte jeweiliger Ausstellungssituationen einbezieht, lässt sich in seinem Interesse am ‚Berechnen’ von Zeit und Raum eine Parallele zu den Tagesrechnungen von Darboven ziehen, die ebenfalls im Klang eine Entsprechung für ihre eigenwilligen Rechensysteme gesucht und umgesetzt hat. KS

Ausstellungsansicht

links nach rechts

Sol LeWitt: Ohne Titel, 1973; Ohne Titel, 1973, zwei gefaltete Papiere, je 53,3 x 53,3 cm, Courtesy Galerie Campagne Première, Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016; Ohne Titel, 1973, gefaltetes Papier, 53,3 x 53,3 cm, Courtesy Karin Sander, Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016.

Flora Hauser: „An der schönen grünen Donau, Ansammlung einiger Genießer mit Mypie“, 2016; „An der schönen grünen Donau, Ansammlung einiger Genießer mit Hyperopie“, 2016, Bleistift auf Leinwänden, je 50 x 30 cm, Courtesy Ibid. Gallery, London.

Irma Blank: „Transcrizioni, Thinking III“, 1974, indische Tinte auf pergamentartigem Papier, 112,7 x 80,5 cm, Courtesy die Künstlerin und Galerija Gregor Podnar, Berlin.

Irma Blank: „Eigenschriften, Pagina 74“, 1970, Pastell auf Papier, 70 x 50 cm, Courtesy die Künstlerin und Galerija Gregor Podnar, Berlin.

Irma Blank: „Eigenschriften, Pagina 74“, 1970, Pastell auf Papier, 70 x 50 cm

Courtesy die Künstlerin und Galerija Gregor Podnar, Berlin.

Irma Blank

Die in Bologna lebende Künstlerin Irma Blank (*1934, Celle) beschäftigt sich ebenfalls intensiv mit dem Medium Text und Schrift. In der Serie der „Trascrizioni“ transkribiert die Künstlerin Seiten aus Büchern oder Zeitungen, wobei sie die Buchstaben in unverständliche Figuren oder Zeichen umwandelt. Alles, was bleibt, ist eine Spur von Sprache, wie ein synthetisches Überbleibsel oder ein entferntes Echo.

Bei den „Osmotic Drawings“ (1996) ging Blank umgekehrt vor, indem sie Blöcke aus blauer Acryl-Farbe über die Zeilen gedruckter Texte aus Mathematik-Büchern legte. Dabei verknüpft sie – wie Hanne Darboven in ihren kalendarischen Tagesrechungen – die Abstraktion der in den mathematischen Abhandlungen enthaltenen Formeln mit dem Leben und der eigenen Existenz.

Für die „Eigenschriften“ (1960er Jahre) zeichnete Irma Blank minimale Bewegungsabläufe auf. Die manuell erzeugten Zickzacklinien erinnern an die Aufzeichnungen eines Seismographen, ein sozusagen entleertes Schriftbild, das von seiner herkömmlichen Funktion des sprachlichen Ausdrucks und Speicherns von Gedanken und Inhalten entkoppelt ist. Es handelt sich gewissermaßen um eine Art des Schreibens vor seiner Umformung in Sprache und Bedeutung, eine selbstreferentielle Zeichen- oder Symbolschrift.

Durch die Hand der Künstlerin wird rein mechanisch, vergleichbar mit der kontinuierlichen Ausübung des Schreibprozesses als einer gleichsam meditativen Übung, die unmittelbare körperliche Bewegung auf das Papier übertragen. Im Gegensatz zum rationalen Anspruch der Konzeptkunst transportieren die Aufzeichnungen Irma Blanks gerade durch ihre Unmittelbarkeit eine subjektive, wenngleich ‚automatisch’ erzeugte, Sinnlichkeit und Poesie. MS

Ydessa Hendeles: „Peter (1952-1970)“, 2008, 14,1 x 11,1 cm

Courtesy Barbara Edward Contemporary, Toronto und Calgary, © die Künstlerin.

Ydessa Hendeles

Ydessa Hendeles’ (*1948, Marburg) Selbstverständnis oszilliert zwischen ihrer Tätigkeit als Sammlerin, Kuratorin und Künstlerin. Ihr Debüt als Ausstellungsmacherin war die Ausstellung „Partners“ (2003) im Haus der Kunst: „Die Ausstellung, die ich kuratiert habe, wirft einen Blick auf Verbindungen – gewollte und vom Schicksal herbeigeführte – auf Macht und Ohnmacht und auf die sich wandelnde Bedeutung von Bildern in unserer Kulturgeschichte (...)“. Die Ausstellung umfasste neben einer großen Anzahl gerahmter Bildmaterialien, insbesondere historische Fotos, welche, in schwarze Holzrahmen gerahmt, die Wände einiger Ausstellungsräume überzogen sowie Fundstücke verschiedener Art und Herkunft. In der Ausstellung „Partners“ ging es neben dem ‚Dialog’ zwischen den Jahren und über die Generationen hinweg nicht zuletzt auch um die Gegenüberstellung und Verbindung mit einer Reihe von Werken zeitgenössischer Künstler wie Maurizio Cattelan und Hanne Darboven, die Ydessa Hendeles auch in ihrem Stiftungsgebäude in Toronto (Kanada) als ständige Sammlung einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat.

Bei Ydessa Hendeles wird Geschichte durch Objekte und Bilder erzählt, die sie zu Themengruppen und narrativen Assoziationsketten verknüpft. Es entsteht ein Gespinst aus individuellem und kollektivem Gedächtnis. Die aus einem jüdischen Elternhaus aus Marburg stammende Künstlerin behandelt die deutsche Vergangenheit und das Schicksal der Familie wie auch die europäische Kulturgeschichte.

„Ich stelle fest, dass ich, wenn ich verschiedene Arbeiten ohne Rücksicht auf ihr Medium oder ihre übliche Position in der Kunstgeschichte oder sogar darauf, ob sie überhaupt Kunstobjekte sind, miteinander kombiniere, zwischen den Arbeiten Beziehungen herstellen kann, die sonst nicht offensichtlich wären. Es sind neue metaphorische Verbindungen, hinter denen ich her bin.“ (Ydessa Hendeles zitiert in: Sally McKay, „Cityscape“, Toronto, „Flash Art International“, 1995) MS

Ausstellungsansicht

Vitrine

Robert Heinecken: „Revised Magazine / New York Times“, 1993/1994, „Periodical“, 1971/1972, „Time“, 1971, Zeitschriften collagiert und ausgeschnitten, variable Maße, Courtesy Galerie Capitain Petzel, Berlin.

Wand links nach rechts

Armin Chodzinski: „MUSEUM DER KOMPETENZEN“, 2001, Video-Loop, 16 min; Ohne Titel, Nov. 1993 – Dez. 1994, Zahlen auf Karopapier mit unterschiedlichen Systematiken und Codierungen; Ohne Titel, 1994/1995, Studien zum Bildaufbau am Beispiel Haus; „Das Logistische System“, 1994, variable Maße.

Jorinde Voigt: „2244 (now)/68 x 1 bis 33 min, WV 2009-268“, 2009; „Now – Studie, WV 2009-337, Braunschweig“, 2009; „Now – Studie, WV 2009-336, Braunschweig“, 2009, Tinte, Bleistift auf Papieren, je 71 x 140 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016.

Armin Chodzinski: „MUSEUM DER KOMPETENZEN“, 2001, Video-Loop, 16 min

Armin Chodzinski

Armin Chodzinski (*1970, Hamburg) arbeitet an den Verhältnissen von Kunst und Ökonomie. In Form von Performances, Zeichnungen, und Installationen befragt er Organisationsstrukturen und Repräsentationsstrategien unterschiedlicher gesellschaftlicher Bereiche. So interessieren ihn die Begrifflichkeiten des ‚Blue Collar’ der Arbeiterklasse und des ‚White Collar’ der immateriellen Erwerbsarbeiter, welche unterschiedliche Arbeitsbereiche sozial-hierarchisch strukturieren. Chodzinski überführt diese in ein assoziatives Zeichensystem, eine Versuchsanordnung, die rationale wie poetische Zugänge ermöglicht.

Im Kontext des Arbeitsbegriffs ist auch das Video „Museum der Kompetenzen“ (2001) zu verstehen, worin sich der Künstler in einer Endlosschleife Krawatten bindet, eine für jeden Tag, so viele, wie sich in seinem Besitz befinden. Wie für den Büroalltag – für eine Zeit lang arbeitete er selbst im Management eines Unternehmens – bindet Chodzinski seine Krawatten für die‚Arbeit’ und eignet sich den unhinterfragten Dresscode des Business-Milieus als performative Kunst an.

Als skizzenhafte Praxis, die nie für den Ausstellungskontext gedacht war, entstanden fortlaufend Listen, Schrift- und Musterreihen, die in dieser Ausstellung nun einen öffentlichen Kontext fanden. Das „Logistische System“, das in Form eines Zeichenbuchs in der Vitrine liegt, beinhaltet Aufzeichnungen der Arbeitsgeräte, -strukturen und -formen innerhalb der künstlerischen Tätigkeit Chodzinskis. So wie er sich mit den Theorien des Soziologen Norbert Elias und des Nationalökonomen Max Weber auseinandergesetzt hat, so war auch die Begegnung mit dem Werk von Hanne Darboven von fundamentaler Bedeutung für seine künstlerische Praxis. Denn die Idee des – vor allem protestantisch geprägten – Arbeitsbegriffs spielt in Chodzinskis Praxis eine wiederkehrende Rolle. KS

Ayreen Anastas & Rene Gabri: „Multi-storied houses; Stables, folds and barns; Farms and summer homes; Lands and fields of villages; Destroyed vinyards, orchards, and vegetable gardens; Churches; Chapels and shrines; Parish schools; Mills; Areas of forest; etc...“, 2015, Tinte, Bleistift, Radiergummi, Pastellstift auf Papier und verschiedene andere vorgefundene Materialien, variable Maße

Courtesy Parks Luksemburg, Luxemburg und Tanya Leighton Gallery, Berlin.

Ayreen Anastas & Rene Gabri

Ayreen Anastas (*1968, Bethlehem) und Rene Gabri (*1968, Teheran) verlassen in ihrer gemeinsamen künstlerischen Arbeit immer wieder den Kunst-Kontext und bringen sich in angrenzende gesellschaftliche Zusammenhänge ein, so auch als aktive Mitglieder des von KünstlerInnen organisierten Projektraums „16 Beaver“ in New York. Ihre Arbeit ist deutlich von einem politischen Bewusstsein geprägt. In Form von Zeichnungen, Textbildern, Diagrammen und Materialcollagen sowie in kontext-bezogenen Aktionen und Videos beschäftigt sich das Künstlerduo mit Themen wie dem Neoliberalismus, den Folgen der Finanzkrise, der Teilhabe an politischen und gesellschaftlichen Entscheidungen oder der Sprache als Medium der Macht.

Den zahlreichen diagrammatischen Textzeichnungen, die in den vergangenen Jahren entstanden sind, liegt der Versuch zugrunde, komplexe gesellschaftspolitische und kulturgeschichtliche Zusammenhänge anhand von subjektiven Kartierungen sprachlich und ästhetisch nachzuzeichnen. Ein ähnliches Prinzip findet sich auch in der Vitrine, die im Kunsthaus Hamburg gezeigt wurde. Die Arbeit entstand ursprünglich zur Istanbul Biennale 2015 und beschäftigt sich mit dem Völkermord an den Armeniern, der bis heute ein Tabu-Thema in der Türkei darstellt. In einer Vitrine haben die KünstlerInnen u. a. Dokumente, alte Postkarten, Zeichnungen und Fotos zusammengestellt, die auf das Alltagsleben der Armenier aus der Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts hinweisen. Es finden sich Jahreszahlen, die mit dem Genozid in Zusammenhang stehen, aber auch kulturgeschichtliche Relevanz haben. Wie auch Hanne Darboven nutzen Anastas und Gabri Ephemera und handschriftliche Aufzeichnungen zur Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen. Ihre Aufmerksamkeit ist jedoch nicht den anerkannten Größen der Historie gewidmet, sondern den Minderheiten und von der Geschichtsschreibung ausgeklammerten Personen und Gruppierungen. KS

PDF

Ausstellungsansicht

Vitrine

Robert Heinecken: „Revised Magazine/New York Times“, 1993/1994; „Periodical“, 1971/1972; „Time“, 1971, Zeitschriften collagiert und ausgeschnitten, variable Maße, Courtesy Galerie Capitain Petzel, Berlin.

Wand frontal, links nach rechts

Armin Chodzinski: „MUSEUM DER KOMPETENZEN“, 2001, Video-Loop, 16 min; Ohne Titel, Nov. 1993 – Dez. 1994, Zahlen auf Karopapier mit unterschiedlichen Systematiken und Codierungen; Ohne Titel, 1994/1995, Studien zum Bildaufbau am Beispiel Haus; „Das Logistische System“, 1994, variable Maße.

Jorinde Voigt: „2244 (now)/68 x 1 bis 33 min, WV 2009-268“, 2009; „Now – Studie, WV 2009-337, Braunschweig“, 2009; „Now – Studie, WV 2009-336, Braunschweig“, 2009, Tinte, Bleistift auf Papieren, je 72 x 140 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016.

rechte Wand

Henrik Olesen: „Produce 1 (Frische Zwiebelmettwurst)“, 2013; „Produce 4 (Lux Tools)“, 2013, verschiedene Materialien auf Plexiglas, je 203 x 152 x 15 cm, Courtesy Galerie Buchholz, Köln.

Ausstellungsansicht

links

Tim Lee: „One Hundred and Sixty Two People“, k. A., 35 mm Dia-Projektion, variable Maße, Courtesy der Künstler und Lisson Gallery, London.

rechts

Sigrid Sigurdsson: Skizzenblätter für den Trickfilm „Der unendliche Raum“, 1964, Zeichnung auf Pergamentpapier, ca. 22 x 31 cm, Dauerleihgabe aus Privatbesitz an das Osthaus Museum Hagen, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016.

Sigrid Sigurdsson & Gunnar Brandt-Sigurdsson: „Redepausen im Frankfurter Ausschwitzprozess“, 1964/2014, Video-Loop, 15:01 min

© VG Bild-Kunst, Bonn 2016.

Sigrid Sirgurdsson

Die deutsche Künstlerin Sigrid Sigurdsson (*1943, Oslo) hat zur selben Zeit (1961-1966) wie Hanne Darboven an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg (bei Kurt Kranz) studiert.

Wie Christian Boltanski, Jochen Gerz oder Anselm Kiefer befasst sie sich in ihrem Werk mit Geschichte, Gedächtnis und Erinnerung. Das Spektrum ihres umfangreichen Œuvres umfasst Zeichnungen, Malerei, Text, Fotografie, Film, Plastik, Installation, Environment und Interaktion. Ihr Hauptwerk, „Die Architektur der Erinnerung“ (1996), ist als offenes Archiv und ‚work in progress’ in der ständigen Sammlung des Osthaus Museum Hagen zu sehen.

Für die Ausstellung im Kunsthaus Hamburg präsentierte die Künstlerin einen Ausschnitt aus dem umfangreichen Konvolut von ursprünglich einigen 1.000 Pergamentseiten Zeichnungen, die für den 16-mm-Film „Der unendliche Raum“ (1963) entstanden. Das zentrale Thema des Films ist – wie für Hanne Darboven – die Zeit. Der Trickfilm selbst (35-mm, ca. 15 Min.) wurde im Jahre 1964 einmalig im Liliencron Theater im Hamburger Stadtteil Othmarschen gezeigt – als Vorfilm zu Roman Polanskis „Das Messer im Wasser“.

Ferner wurde der zusammen mit ihrem Sohn, Brandt-Sigurdsson, realisierte Film „Redepausen“ (1964/ 2014) präsentiert. Die Videoinstallation besteht aus den bearbeiteten Audiomitschnitten des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses von 1963-1965. Im Ergebnis sind lediglich als ein Nachhall im Raum Geräusche zu hören,, das Luftholen vor dem Sprechen und der Rhythmus der Worte. Diese Relikte der Sprache wurden als Tonspur aneinandergefügt, auf welcher auch Nebengeräusche wie Straßenlärm, spielende Kinder oder das streckenweise unruhige Publikum zu vernehmen sind. MS

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Georges Adéagbo: „Les artistes et l’ecriture...!“, Kapitel „La philosophie et les philosophes“, 2014, Wandinstallation, verschiedene Objekte und Materialien, ca. 3,50 x 2,50 m

Courtesy Galerie Barabara Wien, Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016.

Georges Adéagbo & Alfredo Jaar

Georges Adéagbo (*1942 in Cotonou, Benin) ist bekannt für seine raumgreifenden Arrangements und Kompositionen aus gesammelten Bildmaterialien, Büchern, Skulpturen und Fundstücken verschiedener Art und Herkunft. Ergänzt werden diese durch gefundene und in Auftrag gegebene Malerei sowie durch eigene, handgeschriebene Texte.

Meist arbeitet Georges Adéagbo zu philosophischen, ethischen oder moralischen Begriffen wie Fremdheit und Selbsterkenntnis, Globalisierung und Kolonialismus. Dabei bezieht er – in weit stärkerem Maße als Hanne Darboven – ortsspezifische Bezüge und aktuelle zeitpolitische Ereignisse in seine Installationen und Assemblagen mit ein. Der Künstler knüpft so vielschichtige Netze aus assoziativ zusammengestellten, heterogenen Materialien, welche sich zu material-ästhetischen Kompositionen und Geschichten in Objekten zusammenfügen.

Für die Ausstellung „...und eine welt noch“ stellte Adéagbo ein Kapitel aus der Installation „Les artistes et l’écriture...!“ (2014) zur Verfügung: „La philosophie et les philosophes“ umfasst eine Wandcollage, bestehend aus Portraits europäischer Philosophen wie Spinoza, Leibniz, Jean-Paul Sartre und Henri Bergson, kombiniert mit Alltagsgegenständen und Elementen der Populärkultur, darunter zwei Langspielplatten und eine Kasperle-Figur.

Auch Darboven verknüpft in ihrem Werk Kunst und Leben, Hoch- und Populärkultur, Geschichte mit aktuellem Zeitgeschehen, Vergangenes mit der Gegenwart – sowie mit ihrer eigenen Lebenswirklichkeit.

Während Hanne Darbovens Schreibarbeiten und Tagesrechnungen von calvinistischem Arbeitsethos geprägt sind und an diejenigen kaufmännischer Buchhaltung erinnern, nimmt der afrikanische Künstler einen anderen Blickpunkt ein. In Zusammenarbeit mit dem chilenischen Künstler Alfredo Jaar enstand 2012 zur Biennale Regard Benin in Cotonou der Neonschriftzug „Culture = Capital“. Es handelt sich um die erste französische Version des Werks „KULTUR = KAPITAL“ von Alfredo Jaar – in der Neuinterpretation und Handschrift von Georges Adéagbo. MS

Kulturforum Sued Nord

Michael Müller: „K4 Schriftblätter“, 1995/2005, verschiedene Stifttypen auf kariertem Papier, variable Maße; „Indian Costume“, 2016, Naturfasern, Holz, 154 x 50 x 3 cm

Courtesy Galerie Thomas Schulte, Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016.

Michael Müller

Der in Berlin lebende Künstler Michael Müller (*1970, Ingelheim) ist für seine Zeichnungen und Papierarbeiten bekannt, in denen er eigene Kodierungen und eine bestimmte Form von Hieroglyphen nutzt, die er selbst entwickelt hat. So überträgt er seit über 25 Jahren den Roman von Robert Musil „Der Mann ohne Eigenschaften“ (1930) in sein eigenes Zeichensystem, welches mittlerweile aus über 20.000 Einheiten besteht und fortlaufend erweitert wird. Die identisch gerahmten Schreib-Blätter kombiniert Müller mit Portraits der Romanfiguren. Andere Werke sind bedeutenden Vertretern der europäischen Kulturgeschichte gewidmet, wie beispielsweise dem Philosophen Friedrich Nietzsche. Diese Vorgehensweise erinnert stark an die Arbeitsweise von Hanne Darboven sowie an die jüngste Entwicklung in Müllers Oeuvre, die den Wanddisplays einzelne Skulpturen und Objekte zuordnet und den Raum mit einbezieht Er entwickelt so physisch erfahrbare Installationen und Situationen und stellt existenzielle Fragen nach kultureller und individueller Identität, der Tradition der Antike und Aufklärung und nach der aktuellen gesellschaftlichen sowie persönlichen Verfasstheit. Er schafft ein Netz aus Referenzen und Bezügen, die historische, politische und kulturgeschichtliche Hintergründe haben, und verknüpft diese zu einer persönlichen Enzyklopädie.

In der Ausstellung hat Michael Müller in das Gitterraster der Arbeit „K4 Schriftblätter“ (1995/2005) ein Tanzkostüm aus dem Kongo integriert, einem Land, das besonders schwer unter der Kolonialherrschaft Belgiens gelitten hat. Die scheinbar kommentarlose Präsentation des Kostüms richtet sich umso mehr an die Assoziationen der BetrachterInnen. Wie seine figurativen Skulpturen steht das Kostüm als Stellvertreter beispielhaft für die Geschichte einer Person, einer geistesgeschichtlichen Tradition oder einer Begebenheit aus Vergangenheit oder Gegenwart. NK

Banu Cennetoğlu: „11.08.2015“, 2015, Tische, Tageszeitungen, 25 m x 2,30 m

Courtesy die Künstlerin.

Banu Cennetoğlu

Archive, Printmedien und fotografische Dokumente sind Ausgangspunkt aber auch selbst Ausdrucksmittel der künstlerischen Arbeit von Banu Cennetoğlu (*1970, Ankara). Grundlegend für die meisten ihrer Arbeiten sind ein Interesse für die ‚Fragilität’ von Fotografien und Informationsmedien sowie die Rolle des fotografischen Bildes im Hinblick auf die Produktion von Bedeutung. Besonders im Zusammenhang mit dokumentarischen, archivarischen und journalistischen Kontexten stellt sie immer wieder die Frage nach den Kriterien der Klassifizierung, der Bedeutung und Hierarchisierung sowie nach dem Zugang zu Information. Dabei nutzt sie in ihren Installationen und konzeptuellen Arbeiten sowohl eigene Fotografien als auch gefundenes Bildmaterial. Die Installation, die im Kunsthaus Hamburg nahezu alle deutschen Tageszeitungen des 11. August 2015 präsentierte, ist Teil einer fortlaufenden Serie. Cennetoğlu sammelt und archiviert alle verfügbaren Zeitungsausgaben eines beliebigen Tages des jeweiligen Landes, in dem ihre Arbeit entsteht – in diesem Fall für eine Ausstellung im Bonner Kunstverein. Der Titel der jeweiligen Installation ist gleich dem Datum ihrer Entstehung. Auf diese Weise legt sie sukzessiv ein umfangreiches Archiv unterschiedlicher globaler ‚Zeitmomente’ an und konserviert die tagesaktuellen Nachrichten. In der Gleichzeitigkeit der nebeneinander präsentierten Nachrichten ein und desselben Tages wird deutlich, wie unterschiedlich, aber auch wie homogen, sich die Organisation von Information bereits in einem Land darstellt.

Vergleichbar mit Hanne Darbovens Umgang mit Titelblättern oder Essays aus dem Wochenmagazin „Der Spiegel“, setzt sich Cennetoğlu mit den „Unterschieden zwischen den Begriffen Geschichte und Information sowie zwischen dokumentarischer und ästhetischer Bedeutung“ (Dan Adler über „Kulturgeschichte – 1984“ von Hanne Darboven) auseinander. KS

Natalie Czech: Ohne Titel („Today nothing. January 9th“), 2009, aus der Serie: „Today I wrote nothing / Daniil Kharms“, 22 C-Prints, 38 x 28 cm

Courtesy Galerie Capitain Petzel, Berlin & Kadel Willborn, Düsseldorf, © Natalie Czech/VG Bild-Kunst, Bonn 2016.

Natalie Czech

Bei Natalie Czech (*1976, Neuss) ist häufig die Sprache in Form von Worten, Text oder Poesie Motiv und Inhalt ihrer fotografischen Bildwelten. Text wird sowohl auf sprachlicher als auch auf bildlicher Ebene zum Bedeutungsträger und knüpft damit an ein wesentliches Merkmal der Arbeiten von Hanne Darboven an.

Wenn Natalie Czech Reproduktionen von Druckmaterial wie Briefen, Büchern, Zeitschriften oder Schallplatten-Cover anfertigt, stellt sich die Frage, ob wir in erster Linie eine Abbildung von einem Objekt, oder das 1:1 wiedergegebene Objekt selbst sehen. Noch wesentlicher ist in ihren Arbeiten allerdings die sprachliche Ebene, die als abgebildeter Text – im Fall der fotografischen Serien „Hidden Poems“ oder „Poems by Repetition“ ist es ausgewählte moderne Lyrik – auch zum visuellen Träger des Bildes wird.

Der hier gezeigten Arbeit liegt ein literarischer Kontext zugrunde. „Today I wrote nothing“ (2009) bezieht sich auf einen Tagebucheintrag des russischen Avantgarde Schriftstellers und Dichters Daniil Kharms (1905-1942). Als Begründer der Gruppe OBERIU – ‚Die Vereinigung der Realen Kunst’ war Kharms ein einflussreicher Vertreter der russischen Literaturszene und angesehener Lyriker. 1931 wurde er als anti-sowjetischer Schriftsteller denunziert, festgenommen und der Schizophrenie bezichtigt. 1941 folgte eine Einweisung in ein Psychiatriegefängnis, in dem er 1942 in seiner Zelle an Mangelernährung verstarb. 1937 schrieb er folgenden Eintrag in sein Tagebuch: „Today I wrote nothing. Doesn’t matter. January 9th“. Jede der 22 Fotografien, die Czech anfertigte, bildet eine gedruckte Reminiszenz an eine Tagebuchseite Kharms. Dabei wird Kharms’ Text von Seite zu Seite verändert und erhält durch Auslassungen und Neuordnungen eine neue Dimension. KS

Susan Morris: „SunDial: Night Watch Light Exposure 2010-2012“, 2014, Teppich, Baumwolle und Leinen, 360 x 155 cm

Courtesy die Künstlerin.

Susan Morris

Die großformatigen Wandteppiche von Susan Morris (*1962, Birmingham) ähneln gigantischen Diagrammen oder auch dem ‚typografischen Fluss’ gedruckter Texte. Die Struktur ihrer Gobelins beruht auf den kontinuierlichen Aufzeichnungen von Zeitabläufen, der eigenen alltäglichen Tätigkeiten und den sich daraus ergebenden Rhythmen und diagrammförmigen Mustern. Mit den tagebuchartigen Notationen für die ausgestellte Arbeit „SunDial:NightWatch Light Exposure 2010-2012“ (2014) begann Susan Morris 2010. Das Jahr 2012 war ein Schaltjahr, so dass die hier visualisierten drei Jahre sich aus insgesamt 1096 aufgezeichneten Tagen zusammensetzen. Dabei verwendet die Künstlerin verschiedenfarbige Schussfäden für die unterschiedlichen Wochentage. Die Aufzeichnungen der Nacht besetzen jeweils das untere Drittel des Teppichs, der Abend ist im oberen Abschnitt dokumentiert – die Zeitspanne reicht von 00 Uhr am 1. Januar 2010 in der unteren linken Ecke und endet am 31. Dezember 2012 um 24 Uhr. Protokolliert wurden nicht zuletzt auch die unterschiedlichen (natürlichen und künstlichen) Lichtintensitäten, die neben den Jahres- und Uhrzeiten durch die urbane Stadtbeleuchtung Londons, wo die Künstlerin lebt, bestimmt sind.

Bei der Technik des Webens geht es um den Wechsel zwischen Vorder- und Hintergrund. Die Fläche und der Raum gliedern sich durch die Addition dieses Intervalls, dieser mechanischen Linienführung. Auch für Hanne Darboven spielt der Webstuhl, ähnlich der Druckerpresse – als kulturhistorische Errungenschaft, ebenso wie die aus ihrem Elternhaus bekannte Praxis – eine große Rolle („Meiner Kindheit, meiner Mutter – a higher knitting Penelope“, 1996). Morris spricht von ihren textilen Gebilden auch als „over all fabrics“, welche mit einem optischen „Glitter“ überzogen zu sein scheinen (im Gespräch mit Rob Colvin). Das Feld, zu dem sich die Bahnen zusammenfügen, bleibt trotz der zugrundeliegenden rationalen Struktur und Regelhaftigkeit rätselhaft schillernd und ambivalent – am Rande der Signifikation. MS

Martin Creed: „Work No. 88“, 2008, zerknülltes Din A4 Papier, variable Maße

Courtesy Miriam Schoofs.

Martin Creed

Der britische Künstler und Musiker Martin Creed (*1968, Wakefield) ist bekannt für ein umfassendes Oeuvre, das humorvoll und spielerisch in verschiedenen Medien wie Skulptur, Rauminstallation, Video, Zeichnung oder Musik Dinge des Alltags in unerwarteter Weise zeigt. Häufig handelt es sich um Eingriffe in scheinbar bekannte Abläufe. Seine Werke funktionieren als Kommentar auf bestehende Strukturen. Creed sieht sich selbst nicht als Konzeptkünstler, vielmehr nutzt er deren Methoden, um frei und assoziativ seine Werke zu realisieren. Der Künstler gibt keine Erklärungen zu seinen Werken ab. Seit 1987 nummeriert er sie lediglich und fügt ihnen eventuell noch eine Beschreibung dessen hinzu, was zu sehen ist. So schafft er eine schematische Auflistung seines gesamten künstlerischen Schaffens und qualifiziert auf diese Weise alle Werke gleich.

Die hier gezeigte Arbeit von Martin Creed, „Work N° 88“ (2008) gehört zu den leisen Kommentaren. Ein einfaches, zusammen geknülltes Blatt Papier wird auf einem musealen Sockel ein wertvolles Objekt. Die Arbeit ist ein klarer Bezug zum Minimalismus der 1960er und 1970er Jahre und thematisiert den Moment des Scheiterns, in dem das weiße Blatt Papier, auf dem die Ideen entstehen, verworfen ist. NK

Weitere Kurztexte zur künstlerischen Praxis von allen beteiligten Künstlerinnen und Künstlern sind hier zum Download in einem Dokument versammelt.

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